Navigation einblenden
Artikel, Interviews & Meinungsbeiträge

Sexistische Erfahrungen in 30 Jahren (grüner) Politik #metoo

Nachdem in den letzten Wochen die Missbrauchsvorwürfe gegenüber dem Produzenten Harvey Weinstein bekannt wurden, meldeten sich immer mehr Frauen, die von ihm oder anderen Männern, die ihre Machtposition ausnutzten, um Frauen sexuell zu belästigen oder sogar zu vergewaltigen, zu Wort. Gleichzeitig ging der Hashtag #meetoo viral. Weltweit beschrieben hunderttausende Frauen unter diesem Motto ihre Alltagserlebnisse, die von einem Grapschen in der U-Bahn, einem demütigenden Spruch bis hin zu gewaltsamen Sexualdelikten alles beinhalten, was Frauen jeden Tag in jeder Stadt der Welt befürchten müssen. Dass auch das Europäische Parlament hier keine Insel der Glückseeligen ist, sondern eher ein Abbild unserer patriarchalen Gesellschaft, wurde durch einen Artikel der britischen Sunday Times nun bekannt. Ich begrüße die nun geführte Debatte sehr, auch wenn die Umstände, die zu ihr führten, natürlich schrecklich sind. Ich mache nun seit gut 30 Jahren Politik und kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass Frauen im politischen Betrieb Sexismus auf unterschiedlichster Weise ausgesetzt sind und ich kann auch nachvollziehen, warum viele Frauen nach einiger Zeit entnervt das Handtuch werfen.

Letztens wurde ich gefragt, was mein feministisches Erweckungserlebnis war. Natürlich wurde ich schon durch die Diskurse der Frauenbewegung Ende der 70iger Jahre an der Universität in Bremen geprägt, aber ganz entscheidend war eine Erfahrung, als ich 1987 in den Bremer Landtag gewählt wurde. Ich hielt zur konstituierenden Sitzung meine erste Rede. Ich war 29 Jahre alt und hatte totales Lampenfieber. Nachdem ich gerade begonnen hatte zu sprechen, stand der damalige Präsident des Senats, ein Sozialdemokrat und sozusagen der regierende Bürgermeister von Bremen, auf, ging an mir vorbei und sagte, so dass nur ich es hören konnte: „ Die Kleine gucke ich mir doch lieber von vorne an“. Daraufhin setzte er sich hinten in den Plenarsaal und beobachtete mich. In diesem Moment dachte ich darüber nach, wo ich denn hier gelandet sei, wenn sich ein führender Politiker dieses Parlaments, dieser Landesregierung, sich traute, solche Abfälligkeiten gegenüber jungen Kolleginnen zu äußern. Dieser Politiker hat nachhaltig dazu beigetragen, mich zur Feministin zu machen. Dafür sollte ich ihm dankbar sein.

Ein anderes Erlebnis hatte ich im Wahlkampf kurz vor dieser Szene. Ein Journalist von Radio Bremen half mir höflicherweise aus dem Mantel. Ich bedankte mich für seine Geste, woraufhin er in mein Ohr raunte: „Dich wollte ich ja immer schon mal ausziehen“. Ein anderer Journalist hatte Anfang 1992, als ich gerade Kultursenatorin geworden war, in der Redaktion des Weser Kuriers in Bremen eine Wette abgeschlossen, dass er mich aus dem Senat rausschreiben würde. Dass ihm das nicht gelungen ist, freut mich noch heute. Natürlich habe ich damals auch etliche Fehler gemacht, neu und unerfahren wie ich mit 33 Jahren damals im Senat war, aber eine solche Wette, behaupte ich, hätte er gegen einen männlichen Kollegen nicht abgeschlossen.

Neben Journalisten und Politikern der konkurrierenden Parteien habe ich jedoch auch in der eigenen Partei immer wieder unschöne Momente erleben müssen. Ein grüner Kollege in Bremen verpasste meinem Ressort für Kultur und Ausländerintegration das Label „Puppenstubenressort“ und hat mir damit das Leben sehr schwer gemacht. Die Ampelregierung hatte das Großressort Bildung, Wissenschaft und Kunst aufgeteilt und so hatte ich meine Zuschreibung als Puppe weg.

Auch heute, mit 59 Jahren, geht es mir in manchen internen Sitzungen im Europaparlament, in dem ich seit 2004 Mitglied bin, noch so, dass männliche grüne Kollegen gerne übersehen, wenn ich mich zu Wort melde oder wenn ich etwas Kluges sage, einem Mann meine Äußerungen zuschreiben. Natürlich gibt es auch unter den weiblichen Parlamentariern Konkurrenzen, doch diese finden auf einer anderen Ebene statt und werden auch offener ausgetragen und angesprochen. Männliche Nicht-Wertschätzung findet oftmals viel subtiler statt. Trotz allem sorgt das feministische Grundverständnis der grünen Partei bis heute dafür, dass alle Gremien mindestens zur Hälfte mit Frauen besetzt sind und unter anderem die Quote zu einer aktiven Nachwuchsförderung beiträgt. Der hohe Frauenanteil in allen Ämtern und Ebenen hat dazu beigetragen, dass sich bei den Grünen eine derartige Machokultur wie bei SPD und CDU gar nicht erst ausbreiten konnte. Auch gibt es mittlerweile sehr viele Männer, die ein Gefühl für dieses Thema entwickelt haben und den Kampf um die Gleichstellung aktiv mittragen. Daher kann ich sagen:

Vieles ist in meinen 30 Jahren in der Politik besser geworden, aber es gibt noch viel zu tun. Daher möchte ich allen Frauen, die im politischen Betrieb, an ihrem Arbeitsplatz oder einfach auf der Straße beim Nachhause gehen, mit sexueller Gewalt jedweder Art konfrontiert werden meine Solidarität aussprechen und sie dazu ermutigen, sich öffentlich zu äußern. Nur wenn wir zusammenhalten und diese perfide Ausnutzung von Macht deutlich ächten, können wir ein Umdenken in der Gesellschaft erwirken, das auch nachhaltig ist.