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Dokumentation: Rede auf dem Symposium zur Gründung der Akademie Europäischer Kultur

Meine Damen und Herren, vielen Dank für die Einladung.

Die Tagung zur Gründung einer Akademie Europäischer Kultur fällt in eine Zeit, in der  das Konzept der offenen Gesellschaft und auch der europäischen Integration an sich in Frage gestellt wird. Victor Orban spricht von seinem Ziel einer kulturell bzw. ethnisch homogenen Gesellschaft, der Begriff der Leitkultur ist von de Maiziere wieder strapaziert worden. Man kann sagen, in gewisser Weise finden wir uns wieder in Zeiten des Kulturkampfes, welches Bild das bestimmende sein soll, nämlich offene oder geschlossene Gesellschaft.

Dazu will ich zwei Vorkommnisse aus dem EP schildern:

Hans Olaf Henkel, früherer BDI Chef.  früher AFD, dann ALFA, MdEP, hat der bei der letzten Debatte zum europäischen Kulturprogramm „Creative Europe“, das die Förderung der europäischen kulturellen Vielfalt, des Kulturaustauschs und des europäischen Films zum Ziel hat, gesagt, dass er es abschaffen und seine Förderung einstellen wollt, mit dem Argument, es gäbe keine europäische Kultur, sondern nur nationale, es gäbe die italienische Oper, den französischen Roman, usw. aber eben keine europäische Kultur. Ich halte dieses Argument aus 2 Gründen für falsch, erstens stimmt die Unterstellung, Europa wolle die nationalen Kulturen schleifen,  nicht, im Gegenteil, und außerdem ist richtig, dass sich Kultur dennoch in Europa immer gegenseitig bereichert und befruchtet hat, und es natürlich immer Einflüsse auf andere Kulturen und dort spezifische Bearbeitungen gegeben hat. Dass aber ein weltgewandter Typ wie Henkel 2017 eine solche Forderung erhebt, ist ein Symptom, wie weit der nationale Diskurs um sich greift und gegen ein europäisches Denken polemisiert und auch die spezifischen Ansätze in der europäischen Kulturpolitik nicht wahrnehmen will.

Zweite Begebenheit: Debatte zur Situation in Ungarn, Viktor Orban, Ungarns Ministerpräsident ist anwesend, es geht um das neue Gesetz zur höheren Bildung und die Central European University, CEU, die Mehrheit des Europäischen Parlaments verteidigt die akademische Freiheit und den offenen Geist der Universität und ihr Konzept der zwei akademischen Abschlüsse, nämlich einen national ungarischen und einen amerikanischen Abschluss und verteidigt das Konzept der offenen Gesellschaft.

Dann auf der rechten Seite des Parlaments eine Abgeordnete:

Ich zitiere: „Wir wollen keine offene Gesellschaft“.

Dieses, meine Damen und Herren, zeigt, wie weit der nationalistische Habitus fortgeschritten ist und dass das Konzept der kulturellen Vielfalt und der offenen Gesellschaft tief umstritten ist. Hier hat die Akademie der Europäischen Kultur eine wichtige Aufgabe, dem Denken gegen eine offene Gesellschaft entgegenzutreten.

Ich will  fortfahren mit einem Zitat von Jutta Limbach:

„Das Einebnen der kulturellen Unterschiede zwischen den Nationen und Regionen ist nicht das Ziel der europäischen Integration. Im Gegenteil: Die Zusammenarbeit in Sachen der Kultur soll deren Vielfalt erhalten. Demgemäß heißt es im Vertrag von Lissabon: »Die Union wahrt den Reichtum ihrer kulturellen und sprachlichen Vielfalt und sorgt für den Schutz und die Entwicklung des kulturellen Erbes Europas. « Wer wollte die Sprengkraft leugnen, die aus kultureller Verschiedenheit resultiert? Eingedenk der Tatsache, dass kulturelle Vielfalt zugleich Quelle von Reichtum, aber auch von Spannungen ist, sollten wir versuchen, die positiven Auswirkungen zu verstärken. Denn eine bewusst gelebte kulturelle Vielfalt kann als mächtiges Gegengift gegen nationalistisch übersteigerte Identitäten wirken, die wiederholt zu zerstörerischen Kriegen geführt haben. Ein Weg zu diesem Ziel könnte der interkulturelle Dialog sein.“

Mir ist dieses Zitat so wichtig, weil Jutta Limbach zu Recht darauf hinweist, dass europäische Kultur nie die Einebnung der Unterschiede, nicht den Angriff auf die kulturelle Vielfalt, sondern gerade die Förderung der Vielfalt und ihre Weiterentwicklung zum Ziel hat.

Eine herausragende Aufgabe der Akademie europäischer Kultur würde also darin liegen, solchen nationalen Kulturdiskursen argumentreich entgegenzutreten.

Außerdem ist mir Limbachs Gedanke zentral, dass kulturelle Vielfalt Quelle von Bereicherung, aber auch von Spannungen ist, und man die positiven Auswirkungen verstärken muss. Denn so bewusst gelebte kulturelle Vielfalt kann als Gegengift gegen nationalistisch übersteigerte Identitäten wirken.

Dieser Gedanke ist so hervorzuheben, weil er vor falscher Naivität schützt: nämlich  zu glauben, jede Kultur und jedes Kulturverständnis würde per se zu mehr Verständnis und Einvernehmen führen, was nicht stimmt, sondern es hängt extrem vom Kulturverständnis ab, denn nur ein offenes, demokratisches Kulturverständnis, dass sich nicht über andere erhebt, ist der Schlüssel zu mehr Verständigung und Respekt und in der Lage zu einer Anerkennungskultur der kulturellen Vielfalt.

Europa ist vor allem ein geistiger Raum, Cees Notebohm, Das bedeutet, dass Europa von der Aufklärung, dem Humanismus und der Deklaration der Universalität der Menschenrechte geprägt ist, aber auch von der Erfahrung, dass alle diese Werte zerstört werden können von totalitären Bewegungen und Parteien.

„Vereint in Vielfalt, united in diversity“, ist deswegen auch so ein entscheidendes Leitbild der EU, das man allen Vertretern von Zerrbildern über die EU immer wieder vorhalten muss. Zum  Kulturbegriff der EU, und der europäischen Kulturprogramme: ein demokratischer Kulturbegriff, wo keine Kultur qua Nation oder Ethnie sich über die andere erhebt es geht um Augenhöhe, Gleichberechtigung und Partizipation, nicht um ethnische oder nationalistische oder gar rassistische Abgrenzung gegen andere Nationen.

Dieser Kulturbegriff zielt auf Dialog, Anerkennung von Differenz, auf Austausch und interkulturellen Dialog

Ein multikulturelles Europa verlangt den Umgang mit Vielfalt:

Sir Rabbi Jonathan Sacks:  „der Antisemitismus ist nicht so sehr das Problem der Juden, das natürlich auch, aber er ist viel mehr das Problem der Mehrheitsgesellschaft, weil er den konzeptionellen und politischen Raum für den Umgang mit Differenz zerstört und damit die geistige Offenheit und die politische Freiheit der Gesellschaft zerstört und es generell die Möglichkeit,  mit Abweichung und Differenz umzugehen,  kaputt macht.“

Einer der wichtigsten Bezugspunkte der EU ist, dass der Schutz von Minderheiten groß geschrieben wird, z.B. der Schutz von kulturellen Minderheiten wie Samen, Sorben,  der dänischen Minderheit in Deutschland, aber auch die Kulturen der Migranten und Flüchtlinge.

Zur  multikulturellen  Herausforderung:

Der niederländische Soziologe Paul Scheffer rät zu folgender Grundhaltung: ich garantiere dir, dass du jede Religion ausüben kannst, die du willst, und im Umkehrschluss garantierst du mir, dass ich sie kritisieren darf.

Diese doppelte Freiheit von der Religion und zur Religion ist eines der Herzstücke des europäischen Selbstverständnisses.

Man darf die Konflikte im Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen nicht leugnen, aber man muss wollen, dass sie bearbeitbar sind, dass sie Teil des gesellschaftlichen Dialogs sind und dass es zu keiner Strategie des Ausschlusses und letztlich der  Strategie des „Ausländer raus“ kommt.

Also, die kulturelle Verunsicherung annehmen und sie bearbeitbar machen, ist eine der Hauptaufgaben der europäischen und nationalen Kulturpolitiken und der Gesellschaftspolitik.

Mehr Wissen über die europäischen Länder, ihre Perspektiven, ihre spezifische Geschichte, ihre Narrative, ihre Empfindlichkeiten und Verletzlichkeiten ist für einen gelingenden Umgang unverzichtbar.

Das Haus der Europäischen Geschichte, das gestern  in Brüssel in unmittelbarer Nähe zum Parlament eröffnet worden ist,  leistet dazu einen wertvollen Beitrag, indem es auf die verschiedenen Stränge, Interessen und Konflikte der europäischen Geschichte und Kulturen hinweist

Es gibt eben nie nur eine Perspektive, sondern davon immer einen Strauß und das verhandelbar und dialogfähig zu machen, ist eine der großen Aufgaben.

Es gibt nie die Kultur im Singular in der EU, sondern immer nur im Plural. Das ist einer der Kernsätze der europäischen Kulturpolitik.

Ein schönes Beispiel für die Anerkennung und das Leben der Vielfalt und des Wissens um das Eingebundensein in den europäischen Kulturraum ist die Europäische Kulturhauptstadt Paphos 2017, „ wir sind ein Teil der europäischen Kulturgeschichte, eingewoben in die Kulturen des Nahen Ostens und wir wollen die Kontinente verbinden und Brücken bauen,

Das ist ein gutes Motto und gilt für viele europäische Regionen  und Kulturhauptstädte. Kultur in den europäischen auswärtigen Beziehungen soll ein integraler Bestandteil europäischer gemeinsamer Außenpolitik sein, kein klassischer Kulturdiplomatie Ansatz, als Schaufenster Europas oder gar lecturing der anderen, sondern ein partizipativer Ansatz, an Dialog und Kooperation auf Augenhöhe interessiert, an gemeinsamen Projekten und Produktionen.

Umgehen mit der Andersartigkeit und die Gleichwertigkeit betonen, ohne allerdings die Grundrechte in Frage zu stellen, kein kulturrelativistischer Ansatz, Frauenbeschneidung ist keine andere Kultur, sondern eine Menschenrechtsverletzung. Aber auf der Grundlage der Menschen- und Bürgerechte ist eine Vielfalt der  Kulturen lebbar. Allerdings muss man immer den Widerspruch zwischen Grundrechtsorientierung und Kulturrelativismus deutlich machen. In Grundrechtsfragen darf die EU nicht wackeln, um die eigene Glaubwürdigkeit aufrechtzuerhalten.

Kultur in Europa ist immer im Plural zu denken, auch europäische Kulturpolitik geht immer um mit vielen Kulturen, verschiedenen Kulturen der Mitgliedsstaaten, der Regionen und lokalen Traditionen. Ich betone es noch einmal: immer umgehen mit Vielfalt, mit diversity.

Kultur kann die politischen Konflikte nicht lösen, aber ohne kulturelle Verständigung kann es auch nicht vorbereitet werden, es braucht Verständigungsarbeit im Alltag, das war zwischen Deutschland und Frankreich so, das ist zwischen den ehemaligen Nazi-Staaten und nicht Nazistaaten so, dass ist zwischen türkischen und griechischen Zyprioten so.

Aus meiner Sicht hat die Akademie europäischer Kultur mit Sicherheit keinen Mangel an Themen und Fragen, die bearbeitet werden müssen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Rede von Helga Trüpel gehalten auf dem Symposium zur Gründung der Akademie Europäischer Kultur am 5. Mai 2017 im Haus der Wissenschaft, Bremen)